Markus Lüpertz Vision de Poussin Grafik 2012

Veröffentlicht am 23. Juni 2012, aktualisiert am 20. Oktober 2021 unter Kunstwerke, Markus Lüpertz

Markus Lüpertz, Vision de Poussin, 2012


Markus Lüpertz Vision de Poussin Grafik 2012

Benefizgrafik zugunsten der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen

Farbradierung (2 Platten)
Format (H x B): 69 x 94 cm
Auflage: 100 Exemplare arab. nummeriert
l.u. nummeriert, m.u. bezeichnet und datiert (teilw.), r.u. signiert

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In seiner Grafik „Markus Lüpertz Vision de Poussin“ zitiertder Künstler ein Motiv des französischen Malers Nicolas Poussin (1594-1665). „L`été ou Ruth et Booz“ („Der Sommer oder Ruth und Boas“) entstand zwischen 1660 und 1664, und damit in der letzten römischen Schaffensperiode von Poussin. Es gehört zu dem sehr bekannten Gemäldezyklus der „Vier Jahreszeiten“, in dem Poussin sehr eindrucksvoll den Lauf der Natur mit biblischen Motiven in Zusammenhang stellt.

Lüpertz wählt einen sehr ähnlichen arkadisch-idealen Landschaftseinblick wie Poussin; im Vordergrund links deutet sich ein Baum an, im Hintergrund, etwas nach rechts aus der Zentralen gerückt, ist auf einem Hügel eine Ansiedlung zu erkennen.

Für sein Bildpersonal beruft sich Markus Lüpertz jedoch nicht auf ein biblisches Motiv, wie es noch Nicolas Poussin tat, der aus dem Buch Ruth (AT) jene Szene zeigt, die von der Begegnung der wegen einer Hungersnot aus Bethlehem nach Moab ausgewanderten Ruth mit dem Grundbesitzer Boas erzählt. Boas, ein als gütig beschriebener Mann, bei dem Ruth als Ährenleserin arbeitet, nimmt diese zur Frau und wird dadurch zum Urgroßvater von König David. (Diese Szene ist immer wieder auch von anderen Künstlern wie etwa Rembrandt, Julius Schnorr von Carolsfeld oder Chagall dargestellt worden.)

Die mit geradezu zarten Strichen markierte Figur im rechten Halbfeld lässt sich durchaus aufgrund einiger weniger erkennbarer Accessoires (Hut und Gehstock) als Selbstbildnis des Künstlers identifizieren. Das würde im Übrigen gemeinsam mit der Haltung zur sich öffnenden Landschaft hin auch den Titel der Arbeit „Vision de Poussin“ unterstützen.

Die kräftige, nah an den vorderen unteren Bildrand gerückte und damit zur Tiefenwirkung beitragende Figur, es handelt sich wohl eher um einen Torso, ist weniger klar zu identifizieren. Es könnte sich um eine mythologische Figur handeln, einen Faun oder einen antiken Helden – letzteres würde dann ebenfalls auf Poussin verweisen, dessen idealisierten Landschaften später oft als heroisch beschrieben wurden. Diese Figur indes erinnert vor allem an einige der in den letzten Jahren von Lüpertz geschaffenen Plastiken. Jene großartigen, starken, zumeist maskulinen Figuren, die man weniger als konkretes Abbild (vergleiche „Aphrodite“, „Mozart“ oder „Hölderlin“) denn als Zusammenballung (sic!) aller sowohl widerstrebender wie auch zustimmender Erfahrungen und Ideen, Charakterzüge und kollektiven (Wert-)Vorstellungen beschreiben kann. In jedem Falle unterstützt jedoch die mit einer zweiten Platte gedruckte Farbe den „visionären“ Charakter des Lüpertzschen Motivs: der Künstler führt unseren Blick mit dem Licht, dass sich im in der Ferne liegenden Bildzentrum gleißend bündelt.

Der Kunsthistoriker Siegfried Gohr schrieb 1991 über Markus Lüpertz und die Grafik: „(…) für Lüpertz (geht es) nicht um Graphik im üblichen oder traditionellen Verständnis (…). Ihn interessiert nicht die Möglichkeit von Reproduktion und Vervielfältigung – ihn interessiert Graphik als Prozess“. Dazu passt eine Aussage, die der Künstler gegenüber dem Weser Kurier in Bremen bei der Vorstellung der Grafik machte. Er habe, so Lüpertz, zu diesem Thema („Vision de Poussin“, Sk.) „gerade eine ganze Serie von Bildern gefertigt“. (Es dürfte also durchaus mehr als nur interessant sein, auch diesen Malereien zu begegnen.)

Lüpertz beginnt um 1980/81, sich mit grafischen Techniken zu befassen; zuerst entstehen Radierungen. Poussin war im Übrigen schon Ende der 1980er Jahre für Lüpertz ein Thema. Siegfried Gohr schreibt hinsichtlich der so genannten Poussin-Paraphrasen: „Wenn Lüpertz in den (…) Radierungen von 1988/89 räumliche Wirkungen einbezieht, bleiben sie doch konzentriert um die Figuren, die um Mittelpunkt stehen“. Diese Aussage hat auch für die 2012 entstandenen Grafik „Vision de Poussin“ wenn auch im Modus des aktuellen weiter bestand.

Alle Zitate von Siegfried Gohr aus: S.G., Zur Druckgraphik von Markus Lüpertz, in: Markus Lüpertz, Druckgrafik, Maximilian Verlag – Sabine Knust, München (Hrsg.) 1991.

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