Interview mit Markus Lüpertz in der WZ: „Ich bin doch hübscher als Michelangelo“

Veröffentlicht am 19. Januar 2019, aktualisiert am 12. März 2019 unter Aktuell, Künstler, Markus Lüpertz, Presse

 Markus Lüpertz ist auch mit 77 Jahren noch aktiv. Im Heine-Institut setzt er sich mit Michelangelo auseinander. Wir trafen ihn bei Schmäke.

Den Bildhauerkittel über dem Arbeitsanzug, ein Käppi auf dem Kopf: So schuftet der 77-jährige Markus Lüpertz gegenwärtig in der Bronzegießerei Schmäke. Foto: Helga Meister

Herr Lüpertz, Gratulation zu Ihren Lithos zu „Michaelengel“ und zu Ihrem Buch „Michael Engel“. Grandios, wie Sie sich mit Michelangelos nackten Jünglingen aus der Sixtinischen Kapelle auseinandersetzen. Sind Sie von Ihrem Häuschen in der Toskana immer nach Rom gepilgert?

Lüpertz: Mit der Sixtina beschäftige ich mich, seitdem ich Kunst mache. Michelangelo ist für mich stets eine Vergleichsgröße. Ich habe eine ungebrochene Liebe zu ihm. Er steht ja in der direkten Nachfolge der Antike. Von dort kommen wir eben alle her, Maillol, Rodin, auch Matisse.

Mich erstaunt, wie Sie im Textbuch den Einstieg über Farben nehmen, über das giftige Schweinfurter Grün, den Ruß aus dem Brandofen für das schnelle Schwarz und das Caput mortuum, die Farbe des geronnenen Blutes. Wie kommen sie dazu?

Lüpertz: Ich habe ja noch bei Laurenz Goosens an der Fachhochschule Krefeld Fresko gelernt. Ich weiß halt, worauf man achten muss.

Sie schlüpfen wie ein intellektueller Schauspieler in die Rolle von Michelangelo. Aber warum die 20 nackten Jünglinge?

Lüpertz: Mich interessiert, wie Michelangelo die Deckenfresken geplant hat. Die „Ignudi“, Michelangelos Nackte also, definieren die Blickachsen. Durch ihre Blicke und Haltungen vermessen sie die Decke. Ich versetze mich in die Vorarbeiten. Ich will erzählen, wie ein Maler so ein Deckengemälde angeht.

Michelangelo als Alter Ego? Sie schreiben in der Rolle des Renaissancemalers: „Ich weiß um mein Genie und meine Kraft zu siegen.“ Beziehen sie das Geniale nicht auch auf sich selbst?

Lüpertz: Das Genie des Künstlers, das das Handwerk überwindet. Die heutige Künstlerschaft politisiert und pädagogisiert. Das mag alles ehrenwert sein. Aber ich bin ein Bildhauer und Handwerker, der das viel gescholtene Genie benutzt, um aus dem Handwerk heraus zur Kunst zu kommen. Das ist die schwierigste aller Aufgaben.

Ihre Lithos sind Meisterwerke der Zeichnung. Wie kommt es dazu?

Lüpertz: Ich zeichne ständig. Diese Figuren aus dem Deckengemälde sind wie Aktmodelle. Es hat mir eine unheimliche Lust bereitet, das zu zeichnen.

Ihre Blätter wirken spontan und sehr malerisch. Ist die Technik für Sie neu?

Lüpertz: Auf Umdruckpapier arbeitet man wie auf Zeichenpapier. Ich habe einen guten Drucker, der das umdruckt, so dass die ganze Wildheit übernommen wird. Das kommt im Litho sehr schön heraus.

Mithilfe von Michelangelo erklären Sie den Lesern, wie ein Künstler tickt. Ist denn die Sixtinische Kapelle wirklich die „Landmarke in der Geschichte der Malerei“, wie es Thomas Lange im Nachwort bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Lüpertz: Es ist zumindest ein Meisterwerk der Freskomalerei.

Vergleichen Sie sich gern mit ihm?

Lüpertz: Ich bin doch viel hübscher als Michelangelo.

Der ist kleiner?

Lüpertz: Und er hat eine zerschlagene Nase, seitdem ihn ein Mitstudent verprügelt hat. Aber Spaß beiseite. Alle Maler und Bildhauer haben sich mit der Antike auseinandergesetzt, denn in der bildenden Kunst gibt es nichts Neues. Es gibt immer nur neue Künste. Malerei ist gebunden an die Leinwand und den Pinsel. Wenn Warhol auf eine Bronzeplatte pinkelt und sie wird grün, mag das ja Kunst sein, aber es ist keine Malerei. Malerei ist eine Disziplin, und Bildhauerei ist es auch. Beides gibt es schon ewig. Damit setzt man sich indirekt auseinander. Der lebende Künstler aber ist immer neu.

Kaum erschienen Ihre Lithos, höhnen schon die ersten Journalisten, Sie wollten Michelangelo abmalen. Grenzt Ihr Vergleich mit ihm nicht ein wenig an Blasphemie?

Lüpertz: Ich vergleiche mich doch nicht mit ihm. Ich nehme ihn wahr und benutze sein Werk, um weiterzukommen. Um meine eigene Identität zu finden, muss ich mich immer mit den Besten vergleichen. Es hat ja keinen Zweck, wenn ich mich mit einer Mickymaus vergleiche. Qualität können Sie nur im Vergleich feststellen.

In Ihrer letzten Passage versetzen Sie dem heutigen Massenbetrieb einen Tritt. Ist das nicht gegen die Museen gerichtet?

Lüpertz: Die Museen werden zu Bahnhöfen mit Massenabfertigung. Die Sixtina ist für einen Gottesdienst gemacht. Die Bilder sind für einen heiligen Raum konzipiert. Die Leute, die da durchgeschleust werden, nehmen doch nichts wahr. Nur in ihren Handy-Fotos sehen sie, wo sie gewesen sind.

Wie finden Sie denn die restaurierte Kapelle?

Lüpertz: Die Decke sieht jetzt aus wie ein amerikanisches Comic-Buch. Glatt, blitzblank und mit Kunststoff überzogen. Sie haben dem Bild die Seele gestohlen.

Letzte Frage: Das Haus der Kunst plant eine große Ausstellung für Sie. Was werden Sie zeigen?

Lüpertz: Viele neue Arbeiten. Aber es gibt schon jetzt Ärger, denn ich bin keine Frau, bin nicht schwul und bin nicht mehr jung. Ich passe in kein Schema. Eigentlich dürfte ich als älterer Herr nicht mehr ausstellen.

Info: Heine-Institut, Bilker Straße 12-14, Ausstellung „Markus Lüpertz. Michael Engel. beides“ in Kooperation mit Galerie Till Breckner bis 17. März. Lüpertz liest um 11 UHR im Palais Wittgenstein.

 

Das Gespräch führte Helga Meister

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