Licht, Farbe, Ewigkeit – Markus Lüpertz im Naumburger Dom

Veröffentlicht am 13. Juli 2026, aktualisiert am 13. Juli 2026 unter Aktuell, Aktuelles, Markus Lüpertz

Markus Lüpertz Naumburg – Einweihung von zwei Kirchenfenster. „Wenn ich in einer Kirche tätig bin und Glasmalerei schaffe, dann weiß ich, dass dies ein Werk für die Ewigkeit ist. Ein Gemälde in einem Museum oder einer Galerie kann jederzeit abgehängt werden – zwei Chorfenster von fast elf Metern Höhe bleiben.“ Kaum ein Satz beschreibt das Selbstverständnis von Markus Lüpertz treffender. Seine neuen Glasfenster im Ostchor des Naumburger Doms sind weit mehr als ein weiterer Werkzyklus eines der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler. Sie sind eine Auseinandersetzung mit Zeit, Glauben und der Kraft des Lichts.

Innerhalb eines Jahres entstanden zwei monumentale Fenster, die sich einem der ältesten Themen der Menschheitsgeschichte widmen: Verdammnis und Erlösung. Das nach Norden ausgerichtete Fenster erzählt von Untergang und Gericht, das südliche von Hoffnung und Erlösung. Ergänzt wird das Ensemble durch ein kleineres Fenster mit dem Erzengel Michael – jenem himmlischen Kämpfer zwischen den Welten.

Markus Lüpertz greift dabei Motive auf, die seit Jahrhunderten die europäische Kunstgeschichte prägen. Man denkt an Hieronymus Bosch, an Peter Paul Rubens oder Lucas Cranach. Doch seine Bildsprache bleibt unverkennbar gegenwärtig. Im Fenster der Verdammnis jagen die apokalyptischen Reiter mit eruptiver Wucht durch den Raum. Krieg erscheint als Soldat in moderner Uniform, das Schwert bereits erhoben. Hunger reitet auf dem schwarzen Pferd mit der Waage als Sinnbild des Mangels, während der Tod als Skelett im leuchtend roten Mantel das Zentrum der Komposition beherrscht. Lüpertz erzählt nicht naturalistisch, sondern mit der expressiven Kraft seiner charakteristischen Formensprache: Figuren werden gedehnt, verdreht und rhythmisiert. Farbe wird zum Träger existenzieller Erfahrung.

Ganz anders wirkt das Fenster der Erlösung. Es erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Erst das wechselnde Tageslicht setzt die Komposition in Bewegung. Während die grauen Gestalten der Unerlösten im unteren Bereich verharren, öffnen sich darüber lichte Farbwelten aus Blau, Grün und Gold. Die Geretteten steigen dem Licht entgegen. Hoch über ihnen erscheint das langgezogene Antlitz Christi; darunter verweisen seine ausgebreiteten Arme mit den Wundmalen auf das zentrale Versprechen des christlichen Glaubens. Das Fenster verändert sich mit jeder Stunde des Tages und macht das Licht selbst zum eigentlichen Mitgestalter des Kunstwerks.

Dass diese Wirkung entsteht, ist nicht allein Lüpertz‘ Entwurf zu verdanken. Entscheidend ist ebenso die außergewöhnliche Präzision der Glasmalereiwerkstatt Derix, die die komplexen Entwürfe des Künstlers mit beeindruckender handwerklicher Meisterschaft in Glas übersetzt. Hier verschmelzen künstlerische Vision und jahrhundertealte Handwerkskunst zu einer Einheit.

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©VG Bild-Kunst, Markus Lüpertz 2026, Foto: Giulio Coscia, Mönchengladbach

Die neuen Fenster stehen zugleich in einer langen Reihe sakraler Arbeiten des Künstlers. Markus Lüpertz versteht seine Beschäftigung mit religiösen Themen nicht als Ausflug, sondern als kontinuierlichen Teil seines Schaffens. Schon als junger Mann verbrachte er Zeit im Kloster Maria Laach, später entstanden Glasfenster für St. Andreas in Köln, die Elisabethkirche in Bamberg, das Reformationsfenster der Marktkirche Hannover, die Rosette von St. Ulrich in Regensburg und zahlreiche weitere Arbeiten. Immer wieder sucht Lüpertz den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und sakralem Raum.

Damit steht er keineswegs allein. Kirchen gehören heute zu den wenigen Orten, an denen Gegenwartskunst eine unmittelbare Begegnung mit Geschichte und Spiritualität eingehen kann. Künstler wie Marc Chagall, Gerhard Richter, Imi Knoebel, Neo Rauch, Sean Scully oder zuletzt Olafur Eliasson haben gezeigt, dass sakrale Architektur weit mehr ist als historische Kulisse. Sie ist Resonanzraum für die großen Fragen menschlicher Existenz.

Gerade im Naumburger Dom entfaltet dieser Dialog eine besondere Intensität. Das UNESCO-Weltkulturerbe zählt zu den bedeutendsten Bauwerken der Spätromanik und beherbergt mit den berühmten Stifterfiguren um die Uta von Naumburg Ikonen europäischer Bildhauerkunst. Dass nun Glasfenster des 21. Jahrhunderts neben mittelalterlichen Verglasungen ihren Platz finden, ist mehr als eine Ergänzung des Bestands. Es ist ein bewusstes Bekenntnis dazu, dass ein Dom kein abgeschlossenes Museum ist, sondern ein lebendiger Ort, an dem jede Generation ihre eigene Bildsprache entwickeln darf.

In diesem Sinne erzählen die Fenster nicht nur von Verdammnis und Erlösung. Sie sprechen von der bleibenden Kraft der Kunst selbst. Glas verwandelt Licht in Farbe, Farbe wird zu Erzählung, Erzählung zu Erfahrung. Wer den Ostchor des Naumburger Doms betritt, begegnet nicht allein zwei neuen Kunstwerken. Er erlebt, wie sich Vergangenheit und Gegenwart im Licht begegnen – und wie ein Künstler seinen Anspruch auf Ewigkeit in Glas eingeschrieben hat.

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