Kunstwerk: Otto Piene “Feuerräder!” 2013

Otto Piene – Feuerräder! – 2013

SONDEREDITION “Ein Bild für BILD”

Entstehungsjahr: 2013
Technik: Siebdruck und Reliefdruck
Format: 57 x 40 cm
Auflage: 100 Exemplare zzgl. e.a.

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Mehr Informationen zum Kunstwerk finden Sie auch unter www.einbildfuerbild.de

 

Aus dem privaten Fegefeuer
Udo Kittelmann erklärt das “Bild für BILD”

Von Udo Kittelmann *

Eine Feuergouache hat Otto Piene für BILD hergestellt. Die Blattgröße entspricht exakt dem Format der Zeitungsseite. Ein mächtiger Farbring in dunklen Rot- und Gelbtönen, durchsetzt mit unregelmäßigem Blasen, bildet das Zentrum der Komposition. Winzige rote Farbpartikel umgeben den Ring und werden nach links oben immer feiner. Unten rechts dagegen wiederholt sich in der Signatur des Künstlers das Kreismotiv, diesmal als Buchstabe O.

Das O steht für Otto, es steht aber auch für die Null, den Nullpunkt, die „Stunde Null“. Ein Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Jugendlicher war Piene eingezogen worden, mit 17 kehrte er zurück. Das Skizzenbuch war sein ständiger Begleiter gewesen, das Zeichnen ermöglichte Verarbeitung und Bewältigung der Kriegserlebnisse. Und Feuer war in diesen Tagen allgegenwärtig.

Als Otto Piene dann mit seinem Studenten- und Malerfreund Heinz Mack 1957/58 eine Künstlergruppe gründete, wurde die englische Bezeichnung von Null zu deren Namen: ZERO. „Wir verstanden von Anfang an ZERO als Namen für eine Zone des Schweigens und neuer Möglichkeiten“, sagt Piene, „nicht als Ausdruck des Nihilismus oder einen Dada-ähnlichen Gag. Wir dachten an den Countdown vor dem Raketenstart – ZERO ist die unmessbare Zone, in der ein alter Zustand in einen unbekannten neuen übergeht …“

Mit diesem Konzept setzen sich Piene und Mack ab von der figürlichen Kunst, die durch den Nationalsozialismus kompromittiert worden war. Sie setzten sich aber auch ab von den Nachkriegsmalern des Informel oder des Abstrakten Expressionismus, die ihre persönlichen Empfindungen mit pathetischer Künstlergeste auf die Leinwand warfen. Die ZERO-Künstler verstanden sich eher als Forscher. Sie experimentierten mit Feuer, Luft und Licht als neuen künstlerischen Materialien, und sie wollten die Naturelemente unmittelbar zur Geltung kommen lassen.

Bereits 1959 begann Piene, mit Kerzen, Flammen und Rauch zu arbeiten. Als er die Resultate im Jahr darauf in einer Berliner Galerie ausstellte, schrieb er im Katalog: „Bei der Entstehung der Rauchzeichnungen ist das Auge wichtiger als die Hand. … Eine direkte Berührung zwischen der Hand und dem Papier kommt gar nicht zustande.“ Er entwickelte diese Technik weiter, indem er Farbe aus Sprühdosen anzündete. Damit erzielt Piene die für seine Werke charakteristischen starkfarbigen und dramatischen Bildwirkungen. Brandblasen und Russspuren verleihen den Werken ihren unverwechselbaren Oberflächencharakter.

Seine Feuerbilder, so Piene, seien „Überlebensstudien, Geformtes aus dem privaten Fegefeuer. Die elementaren Gegensätze von fester Materie … Die Feuergouachen auf Papier ergeben sich mit den Übergängen, Nuancen und prismatischen Realitäten und Irrealitäten der Malerei.“

Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das Otto Pienes gesamtes Werk durchzieht. Das größte Feuer aber lodert am Himmel: Die Sonne kann uns verbrennen, aber sie ermöglicht auch das Leben auf unserem Planeten. Auf vergleichbare Weise nutzt Piene die Kraft des Feuers, das im Krieg Zerstörung brachte, für die Kunst. Es ist kein Zufall, dass Pienes Motive meist kosmischen Charakter tragen.

Ein Hauptwerk aus seinem Schaffen, die Multimedia-Performance „Die Sonne kommt näher (The Proliferation of the Sun)“ von 1966-1967 soll im kommenden Jahr in der großartigen Glashalle zu sehen sein, die der Architekt Mies van der Rohe in Berlin für die Neuen Nationalgalerie erbaut hat. Und über dem Gebäude wird Piene mit heliumgefüllten Schläuchen ein Himmelsballett als Sky Art-Event realisieren, ganz im Geist des unvergessenen „Olympischen Regenbogens“, den er für die Schlussfeier der Olympiade in München 1972 am Nachthimmel über dem Stadions schweben ließ. So strahlt Pienes künstlerisches Werk, dass sich von Beginn an durch einen experimentellen und visionären Charakter auszeichnete, bis ins 21. Jahrhundert. Und wohl wie nur den besten künstlerischen Erfindungen wird diesem Werk etwas sehr seltenes zu Teil werden: Zeitlosigkeit.

* Udo Kittelmann ist Direktor der Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin.

 

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