Jeff Koons Red Couch
Text von Annette Bosetti
Es ist nur eine Couch aus rotem Samt, 2,40 Meter lang, 100 Kilo schwer. Dieses Möbelstück, einst aus der hintersten Ecke eines New Yorker Lofts ins Scheinwerferlicht gezogen, ist ab 1979 auf Weltreise gegangen. Es bildet das Fundament eines künstlerischen Konzepts, das der Amerikaner Kevin Clarke entwickelte. Nach einer kurzen Anlaufzeit mit wenigen Soloshootings stieß der deutsche Kollege Horst Wackerbarth dazu, ein professioneller Werbefotograf aus Fritzlar, zwei Jahre älter als Clarke. Die beiden Freunde saßen bald in einem Boot, schleppten das Sofa von einem Ort zum anderen, über Berge, Schluchten und durch Seen, unter teils abenteuerlichen Umständen. Sie schossen Hunderte Fotos, die sie zu Readymades der Fotokunst verwoben. Sie baten Menschen jeder Couleur auf die Couch, weltberühmte und stinknormale, Banker, Arbeiter, Künstler – mehr Männer als Frauen. Sie setzten all diese Typen in einen persönlichen wie gesamtgesellschaftlichen Kontext. Eine neue Art von Portrait gelangte in der Welt.

Fotos vom Setting auf dieser Couch wurden bis heute hunderttausendfach abgedruckt, angeschaut und bewundert. Anerkennende Foto-Preise gab es auch. Anfang der 1980er Jahre gelangte das Kunst-Sofa in einer brillanten Fotostrecke ins deutsche Magazin „Stern“, in den USA und in Großbritannien druckten wegweisende Illustrierte Strecken vom Roten Sofa. Ein prächtiger Bildband entstand 1985. „The Red Couch“ war dazu angetan, ein intimes, gleichwohl aussagekräftiges Portrait von Amerika zu spiegeln, anhand der Vielfalt der Menschen und ihrer besonderen, oft auch konstruierten Lebensumstände.
Das rote Sofa ist also weltberühmt. In diesen Tagen gibt‘s überraschend ein Update, „The Red Couch revisited“. Und damit erlebt eine grandiose künstlerische Idee ihr Revival. Nach jahrzehntelangem Stillstand und etlichen Streitigkeiten mit Horst Wackerbarth hat der Künstler Kevin Clarke, Jahrgang 1953, die rote Couch am 20. Juni 2026 vor der Münchner Oper alleine wieder aufgestellt. Der Düsseldorfer Ausstellungsmacher Detmar Westhoff hatte ihn dazu ermuntert, es noch einmal zu tun nach dieser langen Pause und Jeff Koons aufs Sofa zu bitten. Das „Handelsblatt“ würde ein Interview dazu drucken, die Galerie Till Breckner bringt eine Foto-Edition heraus.
Koons ließ sich nicht lange bitten. Der Erfinder von „Puppies“ und „Balloon Dogs“ machte gerne mit aus Verbundenheit zu seinem alten Freund Kevin Clarke. Die Performance, das Fotoshooting mit niemand Geringerem als dem Superstar, dessen Edelstahl-Skulptur „Rabbit“ mit 91 Millionen Dollar als das höchstversteigerte Kunstwerk eines lebenden Künstlers gilt, konnte stattfinden. Koons platzierte sich auf der Sofa-Rückenlehne, die Füße auf der Sitzfläche. Er lächelt smart vor den Stufen der bayrischen Staatoper. Die Sonne scheint. Die Säulen des Musentempels durfte er aus aktuellem Anlass künstlerisch verwandeln, ihnen Kleider aus bedruckter Leinwand verpassen. Die Motive verweisen auf Zerstörung, erinnern an die historischen Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges.
So kennt man den mitunter zynischen, zwischen Kitsch und Kunst wandelnden Modernisten, heute 71 Jahre alt, der einst mit der Italienerin Cicciolina (Ilona Staller) in die Schlagzeilen geriet. Peter Ludwig kaufte in den Achtzigern seine provozierende Großskulptur „Made in Heaven“, die Koons mit dem blonden, politisch ambitionierten Pornostar in sexueller Aktion zeigt.
Auf dem roten Sofa gibt sich Koons amerikanisch-lässig, heller Anzug, weißes Hemd, die Loafer sind aus Wildleder. Auf Einladung der Münchner Opernfestspiele ist er in seine Lieblingsstadt gekommen, in der er von Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre gearbeitet hatte und der er wesentliche künstlerische Impulse verdankt. Man bat im Übrigen den deutschlandaffinen Amerikaner, einen ihm wichtigen Gegenstand mitzubringen. Seine Wahl fiel auf den in Münster verorteten „Kiepenkerl“, eine kleinere Figur, die er in Händen hält.
Spätestens jetzt ist es an der Zeit für eine kleine Nacherzählung, eine wundersame Geschichte, vielleicht auch für die Legende von der Entstehung eines künstlerischen Konzepts, das als „The Red Couch“ in New York begann. Hauptperson: der Künstler Kevin Clarke, studierter Bildhauer, Meisterschüler von Hans Haake und Christopher Wilmarth, Wanderer zwischen den Welten von Amerika aus in die Schweiz, nach Deutschland und wieder zurück. Heute lebt er in Frankreich.
Clarke repräsentiert die Generation 1968, Woodstock-Besucher, Widerständler, Wohlstands- und Konsumkritiker, Jimi-Hendrix-Bewunderer und Adorno-Versteher. Ein bisschen wild war er, Freiheitsfanatiker, intellektuell, die Musik und die Frauen verehrend – wie das eben so war in jener Zeit, als die Hippies mit ihrer Flower-Power-Attitüde und dem Aufruf zu freier Liebe die Welt verändern wollten.
Die amerikanische Gesellschaft lechzte – wie etwas später die Deutschen – nach Wohlstand. Im Waren-Katalog der Superlative, der ein XXL-Format des deutschen Neckermann-Katalogs war, gab es alles, was das Herz begehrte. Für einen wie Kevin Clarke war es das Allerschlimmste, alles besitzen und alles haben zu wollen, was das Spießer-Leben im eigenen Häuschen in einem langweiligen Vorort mit Garten und Garage fragwürdig verschönern könnte. Neben zahlreichen gesellschaftskritischen Aktivitäten und anspruchsvollen Beiträgen, unter anderem für die documenta VI, die bei Schirmer & Mosel erschienene Foto-Dokumentation „Kaufhauswelt“ aus dem Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe), stieß er 1979, zurück in New York, auf das rote Sofa.
Die Sofa-Story hat viel mit Clarkes künstlerischem Instinkt, mit seiner Haltung, mit dem Zeitgeist, mit Träumen und mit Männerfreundschaft zu tun. (Übrigens waren Koons und Clarke damals schon beste Freunde). Und sie begann tatsächlich im Winter 1979. Im Loft seines Künstlerfreundes Russell Maltz, in Soho stand dieses rote Samtsofa und erregte Interesse. Alles fing damit an, dass er darauf schlafen durfte. Träumen inklusive. Freund Maltz führte zu dieser Zeit ein künstlerisches Projekt für einen wohlhabenden Mäzen auf Long Island durch, bei dem 28 Künstler Arbeiten zu einem stillgelegten Swimmingpool beitrugen. Off-Space würde man sowas heute nennen. Kevin Clarke erhielt die Aufforderung von Maltz, den Schlusspunkt zu setzen. Was ihn auf die Idee zur „Red-Couch-Serie“ brachte.
Unter für heutige Verhältnisse unfassbar widrigen Umständen hatte er zu kämpfen. Vom sechsten Stock aus musste das Möbelstück hinunter auf die Straße, der Aufzug war zu eng. Es gelang wohl irgendwie übers Aufzugdach. Ein geliehener alter Transporter brachte den Künstler und sein Sofa in die Nähe vom Swimmingpool, wohin er es eigenhändig über Schotterwege und durch Wiesen ziehen musste. Dann stand er da, vor dem schwarz angepinselten Pool-Innenraum, ein bisschen wie in Nowhere Land, und wusste doch genau, was er tun würde. Er manövrierte das Sofa irgendwie in die Tiefe, stellte es vor die kurze Wand, legte sich hin und nahm den legendären Versandhauskatalog jener Jahre, den „Sears Roebuck“, zur Hand, in dem es einfach alles zu bestellen gab. Einen ganzen Tag lang verbrachte er alleine auf dem Sofa im Pool, riss die Katalogseiten aus, auf denen für ihn interessante Waren angepriesen worden, welche er dann auf die schwarze Wand hinter dem Sofa klebte. Eine zutiefst beeindruckende Schwarz-Weiß-Fotoserie darüber, mit Selbstauslöser angefertigt, ist in dem Buch „The Red Couch“ abgedruckt.
An diesem Tag im Pool durchlebte Kevin Clarke einen Tagtraum, eine Fantasie, großes Theater auch – im Ganzen betrachtet war es eine wirklich schräge Performance. Aber dieser Tag war mehr als das auch die Geburtsstunde einer zutiefst humanistischen wie gesellschaftskritischen Idee, die als „The-Red-Couch“-Aktion in den USA und als „Die rote Couch“ in Deutschland Furore machte. Schon vor seiner Pool-Aktion hatte es Clarke in den Fingern gejuckt, als er seinen Freund Russell spontan aufs Sofa bat. Er spürte, welche Kraft diese Komposition haben würde. „Es war eine absurde Situation, die zu einem bizarren Foto führte“, steht im Katalog zu lesen. Roter Samt auf grauem Asphalt, ein breitbeiniges Platznehmen, das Lächeln eines Künstlers – dies alles mitten im tristen Arbeiterviertel.
Clarke, der auch Fotograf ist, wurde somit zum Bildhauer einer sozialen Skulptur im Sinne von Joseph Beuys, mit dem er als junger Mann eine Zeit lang zusammengearbeitet hatte. „Es war plötzlich schön“, gab Clarke seinerzeit zu Protokoll, „ich musste einfach ein Foto machen“. Clarke fängt den Augenblick, den Stillstand, den einmaligen Moment, in dem Mensch und Umgebung verschmelzen. Die Neuauflage der Sofa-Serie in München hat von dieser Urkraft nichts verloren. Es ist immer ein Dreiklang, den Clarke komponiert: Der Mensch gewissermaßen als Prototyp und Maß aller Dinge, die Situation als Umweltmetapher sowie das unaussprechbare dritte Element. Warum Jeff Koons den Kiepenkerl zum Shooting in München mitbrachte, bleibt ein Geheimnis.
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