Robert Wilson: „Ich hatte nie Angst vor Kälte“

Veröffentlicht am 12. April 2017, aktualisiert am 26. Oktober 2021 unter Presse, Robert Wilson

Regisseur Robert Wilson probt in Düsseldorf mit der Schauspielerin Rosa Enskat die Erzählung "Der Sandmann" von E. T. A. Hoffmann. Foto: Lucie Jansch

Regisseur Robert Wilson probt in Düsseldorf mit der Schauspielerin Rosa Enskat die Erzählung „Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann. Foto: Lucie Jansch

Robert Wilson ist gerade aus Mailand eingeflogen, erschöpft wirkt er nicht. Er trägt schwarzen Blazer zur Jeans, eine Hornbrille mit zartblauen Gläsern und hat ein Klemmbrett mit leeren Blättern unter dem Arm. Darauf wird er später den schwer beladenen Kopf des deutschen Zuschauers skizzieren und sein Theater, das die Oberfläche feiert, und doch aus den Tiefen des Unterbewussten schöpft. Mit seinen surrealen Bildern voll strenger Kontraste, den überdeutlichen Gesten und entschleunigten Bewegungen hat er eine einzigartige Theatersprache erfunden. In der erzählt Wilson nun E. T. A. Hoffmanns schauerliches Märchen vom Teufel Sandmann und dem Studenten Nathanael, der sich in eine Frau verliebt, die sich als Automat entpuppt.

Träumen Sie bisweilen in den Bildern, die Sie für die Bühne schaffen?

Wilson Das kommt vor. Aber selten.

Sie haben mal gesagt, die Deutschen dächten zu viel. Was ist so schlimm am Denken?

Wilson Das Gehirn ist ein Muskel. Gehen Sie heute Abend ins deutsche Theater, sie werden das erleben: (Wilson steht auf, bewegt stimmlos den Mund, schaut ernst. Als er sich wieder setzt, lacht er ein breites texanisches Lachen.) Wenn man diesen Figuren den Kopf abschraubt, bleibt nichts übrig. Man denkt aber mit dem ganzen Körper. Wenn ich dieses Glas berühre, ist es kühl, meine Stirn ist warm. Erleben ist wahres Denken, hat Susan Sontag gesagt. Wenn ein Bär lauscht oder ein Hund einen Vogel beobachtet, tun sie das mit dem ganzen Körper. Meine Arbeiten sind nah am Tierreich.

Denken Sie in Bildern oder Worten?

Wilson In beidem, aber Worte haben die Tendenz, unser Denken zu begrenzen. Der französische Autor André Malraux hat mal gesagt, das westliche Theater sei von der Literatur gefesselt. Es gibt andere Theatertraditionen etwa in Asien, die eine Sprache der Körper, der Gesten pflegen. Die Schauspieler lernen diese Sprache, genau wie man Sprechen lernt. Man sagt meinem Theater nach, es sei langsam. Das ist aber kein Konzept, es ist meine Wahrnehmung. Zeit ist eine Frage des Empfindens. Es verändert sich ständig. Auch die Geräusche, die wir gerade hören, sind einzigartig, sie werden nie wieder genau so erklingen.

Die provozierende Langsamkeit soll uns achtsamer machen?

Wilson Theater ist eine Konstruktion in Zeit und Raum, man kann es bremsen, beschleunigen wie einen mechanischen Apparat. Darin liegt Freiheit. Gregory Louganis, Olympiasieger im Turmspringen, hat mir mal gesagt, dass er vor einem Sprung jede Bewegung im Kopf durchgeht. Wenn er aber springt, denkt er nicht mehr. Das Mechanische schenkt ihm Freiheit. So ist das auch mit meinem Theater. Ich gebe eine strenge Form vor, aber ich sage Schauspielern nie, was sie fühlen sollen. Als Künstler muss man sich Offenheit bewahren, um wirklich mit dem Publikum in Dialog treten zu können. Zu oft fühle ich mich im Theater wie in der Highschool. Es geht aber nicht darum, die Leute zu belehren. Es geht um Offenheit. Das ist auch der Unterschied zwischen Donald Trump und Barack Obama: Trump spricht zu den Leuten, Obama spricht mit ihnen.

Gerade im starken Formalismus ihrer Bilder sehen Sie also Freiheit?

Wilson Manche Leute nennen mich oberflächlich, den Bugs Bunny aus Texas (er lacht) – und es stimmt, ich interessiere mich für die Oberfläche, für Effekte. Die Deutschen denken in Ursache-Wirkungsketten, so werden sie erzogen. Ich beginne bei der Oberfläche, bei den Körpern und erkunde von da aus, was unter der Oberfläche liegt.

Kann Theater, das unter die Oberfläche geht, die Sicht auf die Welt verändern?

Wilson Mein Theater will die Welt nicht verändern. Ich bewundere Leute, die das versuchen, ich tue es nicht. Theater ist einzigartig, weil es ein Ort ist, zu dem idealerweise jeder gehen kann. Unabhängig von sozialer Herkunft, Bildung, Alter. Menschen teilen dort etwas für eine kurze Zeit. Das macht Theater besonders. Auf der Bühne ist alles anders, der Boden, das Licht, die Art wie Menschen gehen, stehen, sprechen. An einer Bushaltestelle zu sitzen, ist etwas Anderes als auf einer Bühne zu sitzen – weil es eine Bühne ist. Aber nur wenige Darsteller wissen wirklich, was das bedeutet. Ich war mal in einem Konzert in Paris mit fünf Sängern. Vier saßen auf der Bühne als warteten sie auf einen Bus. Eine aber saß schön auf der Bühne. Und dann stand sie auf und sang genauso schön. Das war Jessye Norman.

Muss man es genießen, um richtig auf der Bühne stehen zu können?

Wilson Man muss es lernen. Man lernt gehen, indem man geht. Und fällt. Die Choreografin Martha Graham hat in ihrer Autobiografie geschrieben: Ich bin Tänzerin. Ich habe es durch üben gelernt. Je mehr man übt, desto freier wird man.

Sie arbeiten in der ganzen Welt, sind ungeheuer produktiv. Wie laden Sie Ihren inneren Bildspeicher auf?

Wilson Die Welt ist eine Bibliothek. Sie müssen nur aus dem Fenster schauen, die Welt ist so reich, so voller Ideen.

Trotzdem wirken die Bilder, die Sie aus dem Leben greifen, oft kalt.

Wilson Ich hatte noch nie Angst vor Kälte. Um wirklich leidenschaftlich zu sein, muss man die Kälte kennen. Ich habe mal mit einer Wagner-Sängerin gearbeitet, deren Auftritte ich nicht mochte. Ich habe ihr gesagt: Sie müssen Eis sein, nur ihre Stimme Feuer. Wenn beides brennt, wird es flach. Das habe ich vor vielen Jahren von einer Deutschen gelernt: von Marlene Dietrich. Als ich 27 Jahre alt war, habe ich all meinen Mut zusammengenommen und sie zum Abendessen eingeladen. Ein Mann kam an unseren Tisch und hat zu ihr gesagt, sie wirke bei ihren Auftritten so kalt. Sie erwiderte: Dann haben Sie nicht auf meine Stimme geachtet. Das stimmt. Ihre Bewegungen waren eiskalt, aber ihre Stimme konnte heiß sein, sexy. Das war ihre Macht.

Kunst lebt vom Kontrast?

Wilson „Der Sandmann“ ist ein schwarzes Märchen. Wenn man eine düstere Geschichte wirklich düster erzählen will, muss man sie hell ausleuchten. Wenn man Shakespeares große Königsdramen inszeniert, muss das Publikum gelegentlich lachen dürfen. Düsternis kann Spaß machen.

Dorothee Krings führte das Interview.

Quelle: RP

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