Felix Droese – Ganze Wirklichkeit

Veröffentlicht am 05. Juni 2020, aktualisiert am 20. Juli 2020 unter Aktuell, Aktuelles, Ausstellungen, Felix Droese

Felix Droese, Schaut die Mächtigen, Ihnen ins Gesicht: Orgasmusangst, Jahr: 2019/2020 / Installation Galerie Breckner 2020 / Ausstellung Felix. Droese. Ganze Wirklichkeit | Foto: Jack Kulcke

Am Anfang war das Nichts. Und ein Funke Wahrheit. Wie konnte es passieren, dass Lügen an ihrer Stelle Platz nehmen konnten? Ist es um die Moral so schlecht bestellt? In einer Welt, in der das Lügen politisches Handwerk geworden ist, gewinnt die Fähigkeit zur Entlarvung sprachlicher Fallstricke enorm an Relevanz. Denn jede Unwahrheit birgt auch die Gefahr, dass die Wirklichkeit angezweifelt wird. Was wahr ist und was falsch, das fragt sich auch der politisch wache Künstler Felix Droese. Für die Ausstellung „Ganze Wirklichkeit“ in der Galerie Breckner – und eine neue Edition mit dem Titel „Ganze Wirklichkeit“ – begibt er sich auf die Suche nach jenem elementaren Funken Wahrhaftigkeit, vor dem die Lüge stets erbleicht.

Felix Droese, Ganze Wirklichkeit, 2020. Edition von 40 nummerierten und signierten Exemplaren
Felix Droese, Ganze Wirklichkeit, 2020. Auflage von 40 nummerierten und signierten Exemplaren. In einer Box mit Blindprägung.

In der psychiatrischen Anstalt zündet die Frage nach der Wahrheit für Felix Droese initial. 21-jährig absolviert er dort seinen Wehrersatzdienst nach Studienbeginn an der Düsseldorfer Kunstakademie. „Was ist was? Wo ist wo? Wer ist wer?“, berichtet er, lesen die Klinik-Patienten im Vorbeigehen auf einem handgeschriebenen Plakat. Als leise, wenn auch dringliche Erinnerung an ihre eigene Identität, als Wegweiser zur Unterscheidung zwischen Wahn und Wirklichkeit. „Von da an“, erklärt der heute 70-Jährige, „beschäftigte ich mich mit der Identitätsfrage, woraus sich dann die nach der Wahrheit entwickelte.“

Droese, den ehemaligen Beuys-Schüler, drängt es seitdem zum Existenziellen. Zu den Gegenkräften in Gesellschaft, Politik, Philosophie und Theologie, zu denen er in seinen Kunstwerken kritisch Stellung bezieht. Die Rolle der Sprache als Mittel zur Verschleierung von Tatsachen ergründet er schon seit Langem. In der Lektüre von Hannah Arendts Essays über „Wahrheit und Lüge in der Politik“ entdeckt er eine andere Facette.

Zusammengefasst analysiert die politische Theoretikerin jüdischer Herkunft in diesen beiden berühmten Texten die zutiefst problematische Allgegenwart der Lüge im Bereich des Politischen. Als Ausgangspunkt für diese Überlegungen nimmt Hannah Arendt (Linden/Hannover, 1906–1975, New York) die Enthüllung der Pentagon-Papiere in der Presse im Jahr 1971, die den Wahrhaftigkeitsanspruch in der Politik spektakulär ad absurdum führt. Die Erstveröffentlichung dieser US-Regierungsinterna, die erst 2011 offiziell freigegeben werden sollten, sieht sie als großen gesellschaftlichen Gewinn und Beleg für die Macht der freien Presse – eine in der Verfassung verankerte, politische Freiheit, die zwingend schützenswert sei. [1]

Was aber nun, wenn auch dieser Apparat alternative Fakten teilt und nicht mehr das sagt, was ist – legein ta eonta [2]? Wenn die Frage nach dem „Was ist was?“ entsprechend den politischen Interessen gebeugt wird und das, dank des digitalen Zeitalters, auf immer schnelleren und direkten Wegen? „Da kommt das Recht nicht mehr hinterher“, befürchtet Felix Droese und sieht den menschlichen Orientierungssinn in seinen Grundfesten bedroht: „Der Mensch ohne Orientierung ist verloren“, schlussfolgert er. Wohl eine Wahrheit, vor der die Lüge verblasst.

Aufgrund der aktuellen Abstandsregeln bieten wir Zeitfenster von 30 Minuten für je 10 Personen an. Ein Gespräch mit dem Künstler ist möglich. Um Anmeldung für Termine am 4. und 5. Juli von je 11 bis 18 Uhr wird gebeten unter 0211.54221310 oder per E-Mail unter info@galerie-breckner.de


Titelbild: Felix Droese, Schaut die Mächtigen, Ihnen ins Gesicht: Orgasmusangst, Jahr: 2019/2020 / Kartonschnitt, mehrteilig / Übermalt Acryl, Sakura-Printing, Rußpigment mit Leinöl / Tierpfoten (Hund) / 234 x 210 cm (Kartonschnitt) / Installation Galerie Breckner, Felix Droese – Ganze Wirklichkeit, 2020, 292 cm / Foto: Jack Kulcke

[1] vgl. Hannah Arendt, Die Lüge in der Politik, in: Hannah Arendt, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, München 2013, S. 7–43, S. 42.

[2] „[…] was Herodot als erster bewusst getan hat – nämlich legein ta eonta, das zu sagen, was ist.“ Hannah Arendt, Wahrheit und Politik: in: Hannah Arendt, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, München 2013, S. 44–92, S. 46.

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