Max Hollein über John Baldessari

John Baldessari ist ein Riese. Nicht nur wegen seiner Körpergröße von zwei Metern ist er seit Jahrzehnten ein unübersehbarer Teil der internationalen Kunstszene. Mit seinen 84 Jahren ist er zugleich ein lebendes Stück Kunstgeschichte. Ganze Generationen von Künstlerinnen und Künstler wurden von ihm geprägt. Und er ist noch lange nicht müde.

Jedesmal, wenn ich in LA bin, überrascht er mich durch seine unbändige Energie. Man trifft ihn auf zahlreichen Kunstevents, zwischendrin schafft er aus Anlass des 200sten Jubiläums des Frankfurter Städel Museums eine ganze Serie von neuen Gemälden, die sich mit unserer Sammlung beschäftigen und gleichzeitig als bissiger Kommentar auf den Kunstmarkt gelesen werden können und nun ein „Bild für BILD“.

John Baldessari gehört zu den bedeutendsten Vertretern der amerikanischen Konzeptkunst. Sein Gesamtwerk erstreckt sich weit über ein halbes Jahrhundert. Das Jahr 1970 markiert einen symbolträchtigen Einschnitt in Baldessaris Schaffen. Es ist das Jahr, in dem er all seine bis dahin entstandenen Gemälde verbrennt. Das besagt zumindest die notariell beglaubigte Bekanntmachung, die er in einer lokalen Zeitung veröffentlicht. Diese von ihm als „Cremation Project“ betitelte Aktion ist jedoch nicht das Ende seiner Arbeit als Künstler. Ganz im Gegenteil ebnet dieser radikale Schnitt den Weg für ein neues Bildverständnis, indem er freimütig, humorvoll und auch durchaus provokant Brücken zwischen der Bilderwelt der Massenmedien und dem Motivkanon der Kunstgeschichte schlägt – auch wenn er dafür selten bis nie einen Pinsel in die Hand nimmt.

Für seine Werke verwendet der Kalifornier oft „Found Footage“ aus Magazinen, Tageszeitungen, Filmstills aus Hollywoodschinken oder Ausschnitte aus Werbeplakaten und Anzeigen. Zwar greift er auf dieses vorgefundene Quellenmaterial zurück, hebt es aber zugleich aus seinem ursprünglichen Kontext heraus und stellt es in einen neuen Zusammenhang. So lässt er konträre Motiv- und Inhaltswelten entstehen, erschafft neue Bild- und Bedeutungsräume und bricht auf ironisch-humorige Weise mit Erwartungen der Betrachter.

Das Subversive, Groteske und Humorvolle, allesamt grundlegende Charakteristika seiner Arbeiten, hat sich John Baldessari bis heute bewahrt. Sein eigenwillig provokantes „Bild für BILD“ stellt dies wieder einmal unter Beweis. Eine zwischen verstörend und scherzhaft changierende Bildvorlage, die selbst einer alten Zeitung zu entstammen scheint; wird kommentarlos zum Kunstwerk erklärt und verunklärt mit einer einfachen Intervention die Grenzen zwischen Hochkunst und Massenmedium, zwischen Alltag und Kunst. Ohne einen Hinweis darauf zu geben, wo er die Abbildung aufgetrieben hat, weist er ihr eine neue Bedeutung und einen gänzlich neuen Wert zu: Nun wird sie Baldessaris „Bild für BILD“.

 

Max Hollein, Direktor Städel Museum, Schirn Kunsthalle Frankfurt und Liebieghaus Skulpturensammlung

 

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