WELT: „Es begann als Utopie“

Der Düsseldorfer Galerist Till Breckner über die Gründe, warum die Ausstellung des Teheran Museums für zeitgenössische Kunst (TMOCA) in Berlin abgesagt wurde. 

Visionär: Till Breckner bleibt im Gespräch mit den iranischen Museen. Quelle: Silvia Reimann

Visionär: Till Breckner bleibt im Gespräch mit den iranischen Museen.
Quelle: Silvia Reimann

Lange sah es so aus, als ob die Ausstellung mit der Sammlung des Teheran Museums für zeitgenössische Kunst (TMOCA) in Berlin stattfinden könnte. Nun hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erklärt, dass der Iran die Ausfuhrpapiere für die Sammlung nicht unterschrieben habe. Damit wird das Unternehmen auf Eis gelegt. Erst einmal, hofft Till Breckner. Der Düsseldorfer Galerist ist einer der Initiatoren des Projekts, das er mit seinem Geschäftspartner Afshin Derambakhsh mit hohem Engagement verfolgt hat.

Die Welt: Wieso wurde die Genehmigung nicht erteilt?

Till Breckner: Ich muss vorausschicken, dass die Idee, die Sammlung des TMOCA in Deutschland zu zeigen, von Anfang an ein Projekt zwischen Museen war – dem TMOCA und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beziehungsweise der Neuen Nationalgalerie in Berlin als durchführendem Institut sowie dem Museum MAXXI in Rom. Auf dieser Ebene ist seit Monaten alles geklärt. Es gibt einen belastbaren und unterschriebenen Vertrag.

Die Welt: Woher kommen jetzt die Probleme?

Breckner: Unsere iranischen Museumspartner haben anscheinend unterschätzt, wie komplex es sein kann, in ihrem eigenen Land Entscheidungen durchzusetzen, um Kunstwerke auszuführen.

Die Welt: War nicht auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als federführende Institution blauäugig zu glauben, mit einem politisch komplexen Land könne alles reibungslos laufen?

Breckner: Dass ein solches Unternehmen eine Herausforderung für alle sein würde, steht außer Frage. Blauäugigkeit sehe ich aber nicht, denn die Kontakte zwischen den Museen liefen sehr gut. Das TMOCA war autorisiert, Verträge zu unterschreiben, da es eine Unterabteilung des Kultusministeriums ist. Erst als vor wenigen Wochen die ersten Kunstwerke nicht zu der Pressekonferenz nach Rom ins MAXXI reisen durften, der zweiten Station der Schau, wurden alle Beteiligten nervös. Das war kein gutes Signal.

Die Welt: Wer ist für die Ausfuhrgenehmigungen zuständig?

Breckner: Nach meinem Kenntnisstand sind für dieses Ausstellungsprojekt mehrere iranische Ministerien zuständig. Das Kultusministerium und das Außenministerium, das Büro des Präsidenten – sogar das Parlament wurde befragt. Alle Instanzen haben ihre Fragen und Vorbehalte formuliert. Oben auf der Liste stand die Sorge, die Werke würden nach der Schau nicht wieder in den Iran zurückkehren.

Die Welt: Mit welcher Begründung?

Breckner: Zum einen befürchtete man, Mitglieder der Familie des gestürzten Schahs könnten die Sammlung einklagen. Zum anderen hätte es auch sein können, dass irgendjemand ein gerichtliches Verfahren gegen den Iran einleitet und dass als Folge daraus die Sammlung als „Pfand“ in Deutschland bleiben müsste.

Die Welt: Konnte die Bundesregierung diese Bedenken nicht ausräumen?

Breckner: Doch, es liegt eine schriftliche Garantie für die Rückkehr der Werke vor. Aber das war anscheinend nicht ausreichend. Im Gegenteil: Der Fragenkatalog der Iraner wurde immer länger. Ich möchte nicht mutmaßen, ob die Einwände vorgeschoben sind. Fakt ist jedoch, dass diese Ausstellung eine Öffentlichkeit bekommen hat, die im Iran nicht in diesem Maße erwartet wurde. Bislang hat der Iran kaum Erfahrung mit dem internationalen Museumsbetrieb. Einmal wurde ein Bild von Jackson Pollock nach Japan ausgeliehen, ein anderes Mal ein Werk von Gauguin in die Schweiz. Das lag unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Regierung. Aber bei der Ausfuhr von 60 Werken werden plötzlich alle hellhörig – vor allem, wenn ständig kolportiert wird, diese kämen aus der Sammlung der Farah Diba, der Ehefrau des Schahs. Bei all diesen gefühlten Unsicherheiten aus Sicht des Irans, ist die entscheidende Frage: Wer übernimmt die Verantwortung, wenn etwas schief geht? Ich glaube, darin liegt der Grund und nicht in außenpolitischem Kalkül. Es gibt ja keine Absage aus dem Iran, sondern es gab ungeplante Verzögerungen mit der Ausfuhrgenehmigung.

Die Welt: Die Ausstellung wäre im Sommer schon einmal fast gescheitert. Damals wurde der Direktor des TMOCA, Majid Moullanourouzi, in Teheran vor einem Werk fotografiert, auf dem ein Hakenkreuz zu sehen war. Damit war für die Bundesregierung eine „rote Linie“ überschritten.

Breckner: Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hat daraufhin sofort erklärt, dass der Umgang mit dem Hakenkreuz kein Pardon duldet. Der Holocaust ist ein Verbrechen, das in keiner Weise verharmlost werden darf. Ich glaube allerdings, dass dieses Foto, das ja auf sehr merkwürdige Weise die Öffentlichkeit in Deutschland erreichte, lanciert wurde.

Die Welt: Das hört sich nach einer Verschwörungstheorie an und rechtfertigt in keiner Weise eine Instrumentalisierung des Holocaust.

Breckner: Was ich sagen kann, es gibt durchaus Interessengruppen, die diese Ausstellung aus unterschiedlichen Gründen verhindern möchten, sowohl im Iran als auch im Westen.

Die Welt: Warum wurde damals an der Realisierung des Projekts weitergearbeitet?

Breckner: Weil es um die Kunst geht und darum, dass diese Sammlung gezeigt werden muss. Der Rückzug von Herrn Moullanourouzi aus dem Projekt war hierfür auch eine deutliche Geste von iranischer Seite.

Die Welt: Wie kam es überhaupt zu der Idee, die Sammlung des TMOCA zu zeigen?

Breckner: Es begann zunächst als Utopie. Als Günther Uecker uns vor sechs Jahren sagte, er wolle seinen Zyklus „Der geschundene Mensch“ im Iran zeigen, war der Nukleus gelegt. Mein Geschäftspartner, Afshin Derambakhsh, der aus dem Iran stammt, hat sofort angefangen, Kontakte zu knüpfen. Bei der Vorbereitung des Uecker-Projekts, das dann 2012 im TMOCA stattfand, gab es noch kein großes Vertrauen.

Die Welt: Wie konnten Sie Vertrauen aufbauen?

Breckner: Wir haben unseren Museumspartnern zu verstehen gegeben, dass wir als Gäste kommen und nicht als Kulturimperialisten. Denn wir wollten den Dialog. Nach Jahrzehnten der Entfremdung kann die Kunst der Impuls sein, wieder aufeinander zuzugehen. Mit dem damaligen Direktor Eshan Aghaei haben wir einen Menschen kennengelernt, der ein ähnliches Verständnis von Kunst und Leben hat. Wir haben uns mit Gesprächen über die Werke angenähert und Vertrauen zueinander aufgebaut. Politisches haben wir Außen vor gelassen. Das war und ist auch nicht unsere Rolle. Beim Aufbau von Ueckers Ausstellung durften wir dann auch die Sammlung des TMOCA sehen und waren von der Qualität beeindruckt. Als wir drei Jahre später Otto Pienes Werke im TMOCA zeigten, konnte auch Joachim Jäger, Leiter der Neuen Nationalgalerie Berlin, der die Piene-Schau kuratierte, die „Schatzkammer“ besuchen. Das war der Beginn des Traums, die Sammlung in Deutschland zu zeigen.

Die Welt: Wie bekannt war den Iranern dieser Teil der Sammlung?

Breckner: Um 2010 gab es die ersten Versuche, die Sammlung wieder aus dem Depot zu holen und zu zeigen. Mit Eshan Aghaei wurde sie viel stärker präsent, zunächst mit den persischen Sammlungsstücken, dann auch mit der westlichen Kunst. Den Iranern ist bewusst, dass in dieser Sammlung besondere Werke sind. Mittlerweile werden sie auch regelmäßig ausgestellt.

Die Welt: Allerdings dürfen nicht alle Werke gezeigt werden.

Breckner: Das TMOCA ist ein Raum für künstlerische Experimente. Es ist so etwas wie eine Insel. Klar gibt es auch dort rote Linien und diese dürfen auch nicht überschritten werden. Aber es gibt dort einen größeren Spielraum als in anderen Häusern.

Die Welt: Wann greift der Staat ein?

Breckner: Wenn er religiöse Inhalte verletzt sieht, beispielsweise wenn es um Nacktheit geht.

Die Welt: Bei Günther Ueckers „Der geschundene Mensch“ geht es um die Verletzung der Würde des Menschen. Dass im Iran die Menschenrechte mit Füssen getreten werden, ist bekannt. Wie ist es dennoch gelungen, dass er diese Bildserie dort zeigen konnte?

Breckner: Es geht Uecker um Verletzungen jeglicher Form. So haben das auch die iranischen Kuratoren verstanden. Inwieweit der Diskurs dann in die politischen Gremien getragen wurde, weiß ich nicht. Fest steht, dass die Ausstellung stattfinden konnte, und sie von der Bevölkerung sehr gut aufgenommen wurde.

Die Welt: Wie geht es nach Ihren positiven Erfahrungen weiter?

Breckner: Ich denke, dass die bisherigen Erfolge mit Piene und Uecker uns zeigen, dass es möglich und wichtig ist, sich besser kennenzulernen und dadurch besser zu verstehen. Das stimmt mich für zukünftige Zusammenarbeit optimistisch. Wir denken gerade über neue Projekte nach.

Die Welt: Gibt es im Vertrag für die abgesagte Ausstellung eine Ausstiegsklausel? Schließlich wurden dem TMOCA ein hoher Betrag, die Rede ist von 2,8 Millionen Euro, für die Renovierung des Gebäudes in Aussicht gestellt. Wurde schon ein Teil davon bezahlt?

Breckner: Natürlich wurde bedacht, was passiert, wenn die Ausstellungen in Berlin und Rom nicht realisierbar sind. So wurde lediglich ein Betrag bereitgestellt und nach meinem Kenntnisstand wurde noch nichts in den Iran transferiert. Über weitere Fragen sprechen die Museen gerade miteinander.

Die Welt: Wird die Situation zwischen den Museen sich nun verschlechtern durch die Absage der Ausstellung?

Breckner: Was wir mitnehmen können, ist, dass es für dieses Projekt vielleicht noch etwas zu früh war. Aber auf dem bisher entstandenen Vertrauen, müssen wir aufbauen. Deswegen freue ich mich, dass Berlin die Tür offen gelassen hat für Gespräche. Das lässt mich hoffen, dass diese wunderbare Sammlung der Ost- und Westkunst zu einem späteren Zeitpunkt doch noch gezeigt wird. So lange werden wir unsere Kontakte in den Iran weiter pflegen – jenseits der staatlichen Diplomatie auf einer freundschaftlicher und künstlerischer Basis.

Till Breckner wurde 1977 in Worms geboren. Er studierte Betriebswirschaft in Dortmund. 2004 gründete er den Kunstverlag Galerie Till Breckner, in dem er Editionen von Künstlern wie Günther Uecker, Christo, Arnulf Rainer, Jörg Immendorff, A.R. Penck, Markus Lüpertz und Otto Piene verlegt. Ein weiteres Standbein der Galerie ist die Entwicklung von Kunstprojekten in China, Russland, Ecuador und im Iran.

Lesen Sie auch hier dieses interessante Interview von Christiane Hoffmans, in: Welt am Sonntag (01.01.2017)

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